Zu viel Zeit

Wie ein erwarteter Besuch von den Stromoder Gaswerken begrüßte mich heute Morgen der Herbst mit prasselnden Regentropfen auf dem Dach des Jürmanns.

Doch entgegen der Erwartung störte mich das Wetter nicht, auch wenn ich die Schuhe vor der Tür vergaß. „Nun denn“, dann ich, „bleibe ich heute eben zu Hause und vertrödel den freien Tag mit True Crime Stories aus dem Internet und der Gewissheit, einen Tag ohne Verpflichtungen vor mir zu haben.

Nach einer völlig überflüssigen Streiterei mit Marco gestern, eine willkommene Gelegenheit die Beine baumeln zu lassen.

Der Weg des geringsten Widerstandes ist mir in der letzten Zeit zur willkommenen Handlingsmaxime geworden, denn sukzessive schwindet die Hoffnung der Normalität in dieser Welt.

Umgeben von Nachrichten, in denen Staatspräsidenten willkürlich verhaften lassen, Bundestagspräsidenten noch mehr Öl ins Feuer einer Gesellschaft gießen, die eine formalige Gemeinsamkeit wie durch die Andreasspalte in den USA spaltet und von Bürgern politische Defizite mit Protestwahlen von unfähigen Nationalisten (nicht einmal sozial) versucht kompensiert zu werden (ohne zu wissen, dass man damit alles nur noch schlimmer macht), warte ich also wie ein Gefängnisinsasse auf das Ende einer Zeit, die ich vor Monaten geahnt und gefürchtet habe.

Durchhalten, kleiner Mann, pocht die Kraft des Unbeugsamen in meinem Herzen und zählt die Tage bis Weihnachten, wenn ich Silvana Wiedersehen kann. Wer weiss, wie es dann weiter geht, wenn Boney und Clyde gemeinsam die Konventionen der Moderne wieder auf die Probe stellen werden.

Ob uns ein unerwarteter Weltfrieden erwartet, wir im Dickicht eines russischen Angriffskriegs noch nur vor der Haustür ins Unbekannte entfliehen können oder uns einfach gemeinsam in ein Mauseloch in Griechenland verkriechen, wissen wir noch nicht, aber dass wir uns nie wieder trennen ist sicher.

In english

Too much time
Like an expected visit from the electricity or gas company, autumn greeted me this morning with raindrops pattering on the Jürmanns‘ roof.

But contrary to expectations, the weather didn’t bother me, even though I forgot my shoes at the door. “Well then,” I said, „I’ll just stay home today and waste my day off reading true crime stories on the internet, knowing that I have a day without obligations ahead of me.

After a completely unnecessary argument with Marco yesterday, this is a welcome opportunity to put my feet up.

The path of least resistance has recently become a welcome maxim for me, as hope for normality in this world is gradually fading.

Surrounded by news stories in which presidents arbitrarily arrest people, Bundestag presidents add fuel to the fire of a society that is divided by formal commonalities such as the Andreas Fault in the USA, and citizens attempt to compensate for political deficits with protest votes for incompetent nationalists (not even social ones) (without knowing that this only makes everything worse), I wait like a prison inmate for the end of a time that I sensed and feared months ago.

Hang in there, little man, the power of the unyielding in my heart urges me, counting the days until Christmas, when I can see Silvana again. Who knows what will happen then, when Boney and Clyde together put the conventions of modernity to the test again.

We don’t yet know whether unexpected world peace awaits us, whether we will be able to escape into the unknown just outside our front door in the thicket of a Russian war of aggression, or whether we will simply hide away together in a mouse hole in Greece, but one thing is certain: we will never be separated again.

2 Kommentare

  1. Avatar von David David sagt:

    Was ist Normalität??

    Nein.

    So etwas gibt es nicht.

    (I enjoyed reading this)

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    1. Avatar von Ulf Ulf sagt:

      Du hast Recht! Danke!

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